Skulpturensommer 2019:
"Das Tier – Sinnbild des Göttlichen"

Symposium: "Was veranlasst Menschen, Tierfiguren zu gestalten?"

 

Gedanken zur Begrüßung und Einführung
von René Kaufmann

 

Das Tier, …
ein Sinnbild des Göttlichen,
von dem wir uns unterscheiden, gewiss,
doch nicht ohne einen mit Schauder und Sehnsucht durchsetzten Zweifel,
eine verlockende Finsternis,
die Tiefe ist,
ein Abgrund, den ich zugleich als den meinen erkenne,
ein schwarzer Stern, eine Nacht, die mich versucht, versenkt und blendet.

 

Auf dem Sonnenstein in Pirna geht der diesjährige Skulpturensommer auf Spurensuche und Fährtenlese – vermittels künstlerischer Auseinandersetzungen mit dem „Göttlichen Tier“, im Horizont einer Gegenwart, die sich nach Säkularisation und kämpferischen bis leidenschaftslosen Atheismus durch den Rückgang und die Verdrängung klassischer, traditioneller Religionspraktiken und Glaubensüberzeugungen (die ja auch immer performativ praktizierend realisiert, vergegenwärtigt und tradiert werden) auszeichnet.
Dieser Rückzug hinterlässt eine Leere, die inzwischen auch als Mangel empfunden und mit alternativen Praktiken und Überzeugungen gefüllt wird.

 

Könnte – vor diesem Hintergrund – der künstlerische Rückgriff auf das Sujet des Animalischen als Sinnbild des Göttlichen diese Rückkehr spiegeln, eine Rückkehr des Heiligen in der Natur, ein Wiedereintreten vormonotheistischer, naturreligiöser Verehrung des Animalischen: des Tiers als Träger und Erscheinungsort des Heiligen, des Göttlichen oder eines Gottes?
In religiösen Praktiken der Verehrung des Tieres wurde und wird die Erinnerung, Vergegenwärtigung eines numinosen Einbruchs kultiviert, d.h. realisiert und tradiert. Inwiefern partizipieren die künstlerische Arbeit und Rezeption an dieser kultischen Praxis?

 

Die animalische Präsenz, speist sie sich vom Heiligen? Ist sie begabt oder begabt sie? Ermöglicht sie Erfahrungen mit dem Numinosen?
Ist seine Gegenwart das faszinierend-schreckliche Geschenk einer in die profane Sphäre unserer alltäglichen Realitäten einbrechenden stärkeren, breiteren, tieferen Wirklichkeit?
Begegnet uns im „Tier“ also etwas, was über das Profane hinausgeht?
Gelangt mit ihm etwas zur Erscheinung, womit das Tier an einer Wirklichkeit teilhat, welche über die innerweltlichen, alltäglichen Grenzen hinausgreift?
Symbolisieren dies die „Tiere“? Sind sie Sinnbild(er) des Göttlichen, weil sich in der Begegnung mit ihnen (wieder) Theo- und Hierophanien ereignen?

 

Schrecklich schön und erhaben ist es, das Tier, in seiner scheinbar ungebrochenen Präsenz und Gegenwärtigkeit, in seiner Unmittelbarkeit und Immanenz zur Umwelt.
Ungemein faszinierend erscheint es uns Menschen, die wir uns selbst durch Leib-Körper-Differenzen, durch unsere Individualität und Rationalität, durch bewusstseinsgegebene Transzendenz und Selbstreflexivität doch stets in einer spannungsvollen exzentrischen Positionalität, Distanz und pluralen, unabgeschlossenen wie uneinheitlichen Identität erfahren, welche wir immer nur temporär, rauschhaft und unter pathologischen Gefährdungen verlassen können.

 

Wir unterscheiden uns vom Tier, gewiss, doch nicht ohne einen „mit Schauder und Sehnsucht durchsetzten Zweifel“ (George Bataille). Bei Anaximander von Milet, einem vorsokratischen griechischen Philosophen (ca. 610-545 v.Chr.) findet man dazu einen frühen Hinweis: den Gedanken hinsichtlich einer Abstammung des Menschen vom Tier. Dies wird bei Anaximander hauptsächlich von der Beobachtung getragen, dass der Mensch (anders als die meisten Tiere) während langer Zeit noch der mütterlichen Pflege bedarf. In einer Art allegorischen Genese wird daher der Mensch in seiner Herkunft auf das Animalische zurückgeführt. Anaximander vermutet zum Beispiel, „die Menschen hätten sich ursprünglich im Inneren von Fischen entwickelt und seien dort ernährt worden, genau wie Haifische, und erst nachdem sie herangereift waren, sich selbst zu helfen, seien sie (aus den Fischleibern) herausgekommen und hätten sich aufs Land begeben.“
Neben der Wahrnehmung des anthropologischen Aspektes einer „Mangelhaftigkeit“ in der natürlichen Ausstattung des Menschen (im Vergleich zum Tier), die – um dies zu kompensieren – eine längere Zeit der mütterlichen Pflege, des Lernens etc. bedarf, ist zugleich die Referenz auf das Animalische bedenkenswert, welche dieses frühe Zeugnis einer (Selbst-)Besinnung des Menschen bestimmt: Mangel und Vollkommenheit des Menschlichen, des Menschen als Menschen, scheinen insofern einer Referenz zum Animalischen bedürfen. Anaximander scheint damit also auch nahezulegen, dass der Mensch sich selbst zu einem gewissen Teil nur über solch eine Bezugnahme zum Tier verstehen kann. (Auch, dass er für sein Beispiel dabei auf den räuberischen Haifisch zurückgreift, ist sicherlich des Nachdenkens wert.)

 

Nochmals daher: Wir unterscheiden uns vom Tier, gewiss, doch nicht ohne einen „mit Schauder und Sehnsucht durchsetzten Zweifel“ (George Bataille). Die Animalität, dieses animalische Leben, dem wir einerseits entstammen und notwendig, konstitutiv verbunden bleiben (müssen), es ist uns andererseits fremd und verschlossen.
Es bleibt scheinbar sinnlos, weil ohne Zugang, ohne Antwort und Widerhall für unser Denken: eine animalische Finsternis, die aber nicht vollständig verschlossen und undurchdringlich ist, sondern vielmehr auch mit einer gewissen Vertrautheit, Bekanntheit und Zugehörigkeit einhergeht. Eine Intimität, welche uns anzieht und lockt, weil sie sich zugleich permanent entzieht. Eine verlockende Finsternis, die Tiefe ist, ein Abgrund, den ich zugleich als den meinen erkenne: Das göttliche Tier, mein schwarzer Stern, eine Nacht, die mich versucht, versenkt und blendet.

 

Wild, ungezähmt und unbezähmbar, brutal kann das Tier erscheinen und dabei ebenso ungeschützte Nähe zum nicht Aufhebbaren, nicht Vermittelbaren, zu Tod und Fortpflanzung präsentieren.
„Nackt“ und dennoch (scheinbar) ohne Scham, rein und unschuldig zeigt sich uns das Tier, ruft so Erinnerungen und Sehnsüchte wach, lässt uns auf Spurensuche ins Paradiesische gehen.
Welchen Spuren folgen wir dabei? – unseren eigenen, also der Fährte unserer ungestillten Wünsche, oder einer davon unabhängigen, unbedingten heiligen Präsenz?

 

Heilig, göttlich, diese wilde Unschuld der Tiere. Verschwenderisch, nutzlos, unschuldig und frei auch die Kunst, die sich schöpferisch mit diesem Sinnbild des Göttlichen und seiner Rückkehr auseinandersetzt…

 

Begeben Sie sich mit uns auf eine faszinierende künstlerische Fährtenlese auf dem Pirnaer Sonnenstein.
Sie sind herzlich eingeladen, im Rahmen des bevorstehenden Symposiums (23.-24.8.2019) zur Ausstellung, den Führungen der Kuratorin (Frau Stöbe) durch das zoologisch-sakrale Panoptikum zu folgen oder den religionsphilosophischen, kunstgeschichtlichen und künstlerischen Vorträgen von Frau Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Dr. Annette Seeler und Prof. Helmut Henze zu lauschen.
Die ausgestellten Plastiken und Skulpturen bieten für Groß und Klein beGeisternde Animierungen und gestatten zudem im menschlich-allzutierischen Streichelzoo auch haptische Vergnügen beim Begreifen und Ertasten der tierischen Sinnbilder des Göttlichen.

 

René Kaufmann
Dresden, 23.8.2019

 

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